Aus einer Welt in der Bilder Menschen verändern
An einem verschneiten Wintertag in den 30ern: Hans ist vor ein paar Tagen 14 geworden. An seinem Geburtstag hat er einen Geldschein von seinem Onkel zugesteckt bekommen. Heute hat er sich vorgenommen, dass er sich von dem Geld etwas kauft, was er schon immer haben wollte: Ein Comicheft!
In der hinteren Ecke des Bahnhofs gibt es diese Comics. Diese gezeichneten Bildergeschichten mit Sprechblasen, in denen Menschen mit Superkräften Abenteuer erleben, gibt es erst seit ein paar Monaten und obwohl sie kaum einer gelesen hat, gelten sie als etwas Schlechtes, das zu einer oberflächlichen, klischeehaften Wahrnehmung der Umwelt führen soll. Zumindest sagen dies die Erwachsenen, aber Hans war ja erst 14 und er fand die Geschichten toll, auch wenn seine Eltern ihm verboten hatten, sich so etwas anzuschauen.
Er schlich sich also am Nachmittag aus dem Haus und ging zum Bahnhof und kaufte sich eine dieser Comicgeschichten. Mit dem Heft in der Hand verschwand er wieder zu Hause angekommen in seinem Zimmer. Als später sein Vater in den Raum kam und entdeckte was sein Sohn da las, fing dieser an zu schreien und wurde wütend. So etwas Schreckliches, dass Sprachstörungen verursachen würde, käme ihm nicht ins Haus. Dass sein Sohn so etwas lesen würde, hätte er nicht gedacht. Daraufhin bekam Hans 2 Wochen Hausarrest und natürlich wurde ihm auch das Heft weggenommen und von seinen Eltern vernichtet.
Ein paar Jahrzehnte später: Hans ist mittlerweile über 90 Jahre alt. Vor ein paar Tagen hat er seine Comicsammlung aufgelöst. An die 200 Hefte schenkte er seinem Enkel Tim, der ihn fast täglich besuchen kommt und ihm hilft wo er nur kann.
Längst hat er die Sache mit seinem Vater und den Comics vergessen. Damals konnte er seine Eltern dann doch irgendwann überzeugen, dass an diesen Schundblättern, wie sie immer zu sagen pflegten, nichts Schlimmes dran ist. Er zeigte ihnen die Hefte und sie erkannten, als sie darin blätterten, dass sie wirklich nicht schlimm waren. Sein Vater kaufte sich sogar später selbst ein paar Comics.
Mit der Zeit kapierten dies auch die, die in den 30ern noch so gegen dieses neue Medium gewettert haben. Nach und nach wurden Comics zu einer Kunstform anerkannt und heute würde sich niemand wagen, der nicht seinen Ruf verlieren will, etwas gegen Comics sagen, denn es hat sich gezeigt, dass sie keinerlei Schaden anrichten, es keine Massensprachstörungen ihretwegen gibt und auch niemand oberflächlich oder klischeehaft denkt, weil er in seiner Jugend Comics gelesen hat.
Klar, der eine oder andere, hat eine Sprachstörung und manch einer denkt auch in Klischees, aber hätte er dies nicht auch getan, wenn er keine Comics gelesen hätte. Hans ist sich da sicher.
Aber zurück in die Gegenwart: Am Vortag hatte Hans im Fernsehen gesehen, dass es an Computern – ein Medium, dass er nie verstanden hatte – neuerdings ganz schreckliche Spiele gibt, in denen es ums Erschießen von Menschen per Mausklick geht. Von seiner Tochter weiß er, dass Tim diese Spiele auch spielt. Er kann es nicht verstehen, dass die heutige Jugend etwas solches tut und so was toll findet. Man sollte so etwas verbieten, denn man hat schon so oft gesehen, dass ein solcher Konsum zu schrecklichen Taten geführt hat – Killerspiele halt.
Etwas, das sich immer wieder wiederholt? Wir werden es sehen...
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5 Kommentare:
Traurig, aber wahr ...
Der Vergleich ist sehr gut, wie ich finde.
Ich finde den Vergleich unpassend. Schließlich bezieht ein Comic einen Leser nicht aktiv, sondern nur passiv ein.
Aber dennoch ist es eine verkannte Kunstform, die von Leuten, die sich mit der Materie nicht auskennen beurteilt wird und über den Kamm geschoren wird. Das wollte ich mit dem Beitrag anklingen lassen.
Du hast noch jemanden Vergessen:
Gabi, Tims Mutter, die damals in den 60ern diese böse Musik von den Jungs aus England gehört hat, die immer mit diesen komischen Frisuren herumgelaufen sind.
Auch damals was Hans ziemlich entrüstet darüber, daß ausgerechnet bei seiner Tochter die Moral so zu wünschen übrig läßt...
Wie sagten schon die Propellerheads:
...all just a little bit of history repeating!
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