Sonntag, 18. März 2007

Samstag, kurz nach 12

... und die Bahn steht

Da sitze ich gestern gemütlich in der Regionalbahn, die eigentlich schon seit 5 Minuten angefahren sein müsste. Gemütlich ist übertrieben, denn meine Beine sind zu lang für diese Sitze, die für Leute gemacht zu sein scheinen, die es vielleicht im Land der deutschen Wertarbeit – also, in China – gibt, aber hier wohl nicht existieren. Aber egal! Ich ziehe also meine Beine an und quetsche sie an die Lehne des Vordermanns. In dem Großraumabteil sind außer mir auch ein paar Leute, die wir alle nur zu gut kennen. Nicht persönlich, aber immer sind sie in der Bahn, wenn man es auch ist:

Neben, vor und hinter mir sind die Hooligans, die – man kann es nicht überhören und an den Bierflaschen übersehen – schon mal den Sieg ihrer Mannschaft in 6 Stunden vorfeiern und ein paar Songs der „Böhsen Onkelz“ dem restlichen bunt gemischtem Publikum auf ihre Art „vorführen“. Zwischen den Fußball-Hardcorlern sitzt ein Mädel in einem bauchfreien G-Star-„Alta, ich bin ein Pimp“-Shirt und Silber glitzernden Chucks – Hab ich was verpasst? Wer hat denen das glitzern beigebracht? Aber egal, auch sonst wäre es eine Geschmackverirrung! – und genießt aus den viel zu laut eingestellt Kopfhörern sexy US5-Musik, die zusammen mit den „Onkelz“ eine nette Erbrech-Mischung bildet. Ein Business-Mann ist auch im Abteil dabei und ist gerade auf dem Weg zur CEBIT, wie man ohne Weiteres aus seinem lauten Gespräch mit sich selbst – Oder, warte mal? Er hat ja einen dieser neuen trendy „Wer muss schon leise reden, wenn er in der Bahn ist? Ich schrei jetzt laut in mein angeklippstes Mikro rein!“-Stecker – also, an seinem Gespräch mit dem Kumpel in Hannover bemerkt.

Gerade wurden wir in gebrochenem Deutsch informiert, dass der Zugführer noch fehlt, dafür aber schon der 1-Euro-Bahn-Jobber da ist und seine Runde mit seinen Snacks macht. Aus Mitleid mit der alten Frau kaufe ich mir einen Kaffee und warte weiter.

Während ein Männlein etwas dicklich und nicht sehr vertrauenserweckend in Bahn-Uniform – wird wohl der Fehlende sein, der mal wieder zu lange im Bahnhofs-„MC Donalds“ gespeist hatte - an meinem Fenster vorbeieilt, schaue ich etwas gelangweilt aus dem selbigen.

Gleich geht’s los und dann ist endlich Wochenende, denke ich mir und erblicke eine kleine Gruppe von Menschen, die sich rund um den Raucherstand gegenüber versammelt haben. Im einzelnen sind es ein Mann Mitte 30 mit Bierflasche vor sich, Kippe in der Hand und daneben seine 2 Kinder – ein Junge und ein Mädchen - im Alter von etwa 6 und 10. Die Kinder spielen ein bisschen und im Mund des Jungen steckt eine Zigarette. Eine Zigarette? Ja, eine Z-I-G-A-R-E-T-T-E. Ganz schön jung die heutigen Raucher, aber bestimmt denken die Eltern: Wer früh sich an die modernen Drogen heranwagt, ist schneller tot und dann sind wir den Balg wieder los. Während ich weiterschaue, wie sich die Lage entwickelt und mit mir ringe ob es nicht sinnvoll wäre auszusteigen und zu fragen, ob der Vater sie noch wirklich alle hat, entpuppt sich diese Zigarette als Kaugummi, was die Sache aber meiner Meinung nach auch nicht so viel besser macht, denn warum gibt es diese Teile? Damit sich Kindern cooler fühlen und an den Style schon mal gewöhnen können. Also eine echt traurige Sache und mich würden mal die Beweggründe der Produzenten echt interessieren, wobei haben heute Produzenten überhaupt noch Beweggründe, oder geht es denen rein nur noch um das Geld. Man weiß es nicht und ich will jetzt hier nur noch weg und da spüre ich auch schon das erlösende Gefühl: Die Regionalbahn 1265 fährt in Richtung Heimat!

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5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das die meisten Verspätungen bei der Bahn durch langsam essende Zugführer im McDonalds ausgelöst werden habe ich mir auch schon immer gedacht. Wirkt durchaus plausibel...

Auch sonst kann ich dir in deinen Beobachtungen nur zustimmen... Punkt für Punkt (verdammt, was soll ich denn jetzt kritisieren...).

Anonym hat gesagt…

Hmmm...mit den Kaugummi-Zigaretten...ich weiß nicht...ich würde das nicht so verteufeln...

...ich habe als Kind immer die Schokoladenzugaretten vom Jahrmarkt geliebt - und trotzdem bin ich heute Nichtraucher (und war es schon immer)...

Sebastian Hensel hat gesagt…

Naja, aber man muss schon irgendwie zugeben, dass hinter solchen Produkten einerseits die Gewöhnung an Zigaretten vom Style, Aussehen, etc. und Provokation von Erwachsenen (-> Kinder fühlen sich cool) erreicht wird.

Ich finde das nicht so vorteilhaft!

Anonym hat gesagt…

@ Sebastian:

Du willst mir doch nicht etwa meine Rasta-Mütze verbieten ;-) (Trage ich eh nur zuhause, damit mir die Haare nicht ins Gesicht fallen - keine Kinder gefährdet!).
Nein, irgendwie muss ich dir da schon zustimmen: Man könnte es auch Schleichwerbung der Tabakindustrie nennen.

Anonym hat gesagt…

Ich muss auch zugeben. Als Kind fand ich die Kaugummi-/Schocki-Zigaretten total cool.

Geraucht hab ich bis heute nicht ein einziges Mal (außer Wasserpfeife).

Lag vielleicht eher daran, dass ich in einem Nichtraucherhaushalt großgeworden bin. Außerdem hab ich mal miterlebt, wie mein Cousin als 10jähriger von Mami verdroschen wurde, weil er an nem weggeworfenen Stummel gezogen hatte. Das prägt ;-)

UND in meinen Freundes- und Bekanntenkreis waren und sind die Raucher ganz klar in der Minderheit.

Ich würde also eher sagen, dass Raucher durch den Gruppenzwang erzeugt werden - und nicht durch das frühe Anfixen der jugendlichen Zielgruppe.